Handwerk aus dem Knösterkotten

Saubere Linien

Je feiner ein Stempel werden soll, desto wichtiger sind saubere, klare Linien, an denen man sich beim Schnitzen gut orientieren kann. Denn: je konzentrierter wir schnitzen, desto weniger können wir nebenbei entscheiden, welche der Schmierlinien denn nun die richtige war. Erfahrungsgemäß nimmt man dann die falsche Linie oder schnitzt zu weit oder hört zu früh auf. 

Ein Verschnitzer lässt sich meist nicht korrigieren - außer man ist so flexibel, einfach spontan ein neues Stempelbild zu erschaffen (was eher unbefriedigend ist, wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat).

Was tun?

Ganz wichtig ist, schon beim Abpausen auf das Transparentpapier auf eine gute und eindeutige Linienführung zu achten. Also beim Abpausen eine Linie ohne Absetzen oder Ruckeln durchziehen, damit keine Zacken oder Haken entstehen. Das Bild auf dem Transparentpapier sollte am Ende genauso klar sein, wie es der Stempel werden soll. Wenn die Linien beim Übertragen doch noch etwas verruckeln, kann man sie mit einem Bleistift nachziehen - aber Vorsicht! Nicht zu feste aufdrücken, weil man sonst ein Loch in das Material drückt und das dann nachher im Stempelbild sichtbar wird.

Merke: Die Linie wird nicht richtiger, wenn man feste aufdrückt, sondern wenn man sie ruhig nachzieht. 

Das Übertragen vom Transparentpapier auf das Stempelgummi ist immer ein kritischer Schritt. Oft ist die Skizze verwackelt und erscheint doppelt oder dreifach wie in 3D. Das ist ärgerlich - vor allem, wenn man vorher eine schöne und akkurate Skizze abgepaust hat. 

Warum?

Eigentlich ist es ganz logisch: Das Stempelgummi ist flexibel. Es reagiert auf unterschiedlichen Druck und verzieht sich. Durch das Verziehen kann es passieren, dass sich das Transparentpapier minimal verschiebt. Und dann hat man schon zwei Abdrücke. 

Außerdem kann es sein, dass man beim Übertragen mit dem Transparentpapier vor lauter Abrubbeleifer verrutscht. Dann bekommt man auch mehrere Abdrücke.

Wenn man diese zwei Hauptfehlerquellen aber kennt, kann man sich gut aus der Patsche helfen.

Es gibt drei Haupttipps: 

Erstens: Fixieren! Das Transparentpapier sollte immer mit Tape fixiert werden, damit es nicht verrutscht. Probiere aus, welches Tape zuverlässig hält. Manchmal ist es Tesafilm, manchmal Washitape, manchmal Kreppband. Das kommt darauf an, welches Transparentpapier Du verwendest und welches Stempelmaterial. 

Ein Vorteil ist beim Fixieren außerdem, dass Du Das Transparentpapier kurz an einer Seite anheben kannst, um zu luschern, ob alles übertragen ist. Wenn nicht, kannst Du es ziemlich genau wieder auf das Stempelgummi legen und fehlende Stellen nacharbeiten.

Zweitens: Nur wenig bis gar keinen Druck ausüben! Es ist besser, mehrfach ganz leicht über das Transparentpapier zu streichen. (Deswegen ist auch die Fixierung aus Nr. 1 so wichtig. Dann verrutscht nix.) Wenn man nur ganz leicht streicht, verzieht sich das Stempelgummi nicht, die Oberfläche bleibt glatt und ruhig und das Motiv kann ohne Verzerrungen und Verschiebungen übertragen werden. Du kannst es auch mal mit "Trommeln" probieren und einfach mit den Fingerspitzen auf das Motiv klopfen.

Drittens: Geodreieck oder Lineal verwenden! Statt Deiner Finger kannst Du auch mit der Kante eines Geodreiecks oder Lineals langsam über das Papier streichen. Auch hier gilt: Nicht zu feste drücken, lieber langsam und vorsichtig. Wenn Du gleichmäßig streichst, reicht meistens schon ein Durchgang.

Ich benutze verschiedene Werkzeuge für verschiedene Schnitte und Motive.


  • einen Cutter/Skalpell der Firma OLFA. Ich finde die Klingen am besten, weil die Spitzen unschlagbar spitz sind. Den Cutter nutze ich gerne für Schriften oder wenn ich feine Linien stehenlassen möchte. Ich mache damit einen V-Schnitt in zwei Schritten. Erst die eine Richtung \ dann die andere /.
  • ein Linolschnitzwerkzeug von boesner mit verschiedenen Klingen. Das Werkzeug von boesner ist schon geschärft und für Stempelgummi gut geeignet. Allerdings stößt es bei feinen Motiven an seine Filigranitätsgrenzen, weswegen ich es zumeist nur zum Wegschneiden größerer Flächen nutze.
  • Linolschnitzwerkzeug der Firma Pfeil, ein Geschenk vom Mann. Das feinste, kleinste und schärfste Werkzeug, das ich gerne für feine Linien nutze, die weggeschnitten werden sollen.

Egal, für welches Werkzeug Du Dich entscheidest: Das Werkzeug sollte immer scharf sein. Sonst funktioniert es nicht. 

Wenn Du außerdem gerne Druckplatten aus härterem Material wie Linol schneidest, lohnt sich evtl. die Anschaffung eines zweiten Schnitzsatzes.

Eine ganz wichtige Frage beim Stempelschnitzen ist, was weggeschnitzt wird und was andererseits stehenbleiben darf. Unterschiedliche Entscheidungen können hier zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. In der Bildergalerie oben sieht man ganz deutlich, dass unterschiedliche Entscheidungen am Ende eine ganz unterschiedliche Wirkung haben.

Bei diesem Wellenmuster sehen alle Varianten gut aus. Wichtig ist, dass man innerhalb eines Rapports konsequent einer Entscheidung treu bleibt. Noch wichtiger ist das, wenn man kein Muster schnitzt, sondern ein Motiv.

VOR dem Zeichnen sollte man sich überlegen, ob das, was man auf das Stempelgummi zeichnet oder kopiert, stehenbleibt oder weg kommt.

Merke: Alles, was weg kommt, sieht man im Druck nicht. Alles was stehenbleibt, wird gedruckt. 


Bei diesem Muster macht es auf den ersten Blick zwar Sinn, nach Linie und Fläche zu unterscheiden. Grundsätzlich empfehle ich jedoch nach "markiert" und "nicht markiert" zu unterscheiden. Flächen lassen sich durch einfache Schraffuren markieren, Linien sieht man sowieso, sie sind sozusagen von Natur aus "markiert". Dann macht es Sinn, eine Faustregel aufzustellen: "Alles, was markiert ist, bleibt stehen!"

Markierungen stehen zu lassen ist deshalb am sinnvollsten, weil man so schon das Druckbild erahnen kann und nicht zum Negativbild umdenken muss.

Man muss sich nicht fix für eine Faustregel entscheiden und diese IMMER verfolgen. Beim einen Motiv macht es Sinn, die Linien wegzuschneiden, bei einem anderen ist es sinnvoller, sie stehen zu lassen. Man sollte aber innerhalb eines Motivs konsequent bei einer Entscheidung bleiben.


Es ist nicht immer wichtig, besonders filigrane Stempel zu schnitzen. Besonders am Anfang ist es prima, mit einfachen, geometrischen Formen zu beginnen. 

Dabei sind gerade Linien am einfachsten und gut geeignet, um die Handhabung des Werkzeugs zu lernen. Und die Ergebnisse müssen ganz und gar nicht langweilig sein.

Oben siehst Du ganz links ein sehr einfaches Motiv, das nur aus geraden Linien besteht. Daher ist es recht einfach zu schnitzen. Wie Du siehst, kann man es aber ganz spannend kombinieren. Und das geht auch schon mit einfachen Quadraten, Rechtecken oder Kreisen. Besonders reizvoll wird es, wenn man diese Formen untereinander mischt, sie mehrfarbig druckt oder mit einem organischen (also nicht geometrischen) Motiv kombiniert.


Vielleicht kennen das einige von anderen Handarbeiten wie Stricken, Häkeln oder Nähen: da fängt man auch mit einfachen Stücken an, um die Haltung der Hände, die Maschen oder die Bedienung der Nähmaschine zu lernen. Beim Stempelschnitzen ist es nicht anders: bevor die feinen Motive machbar werden, muss man das Handwerk lernen. Und das lohnt sich wirklich. Nur Mut!

Ja, ich gebe zu: Dieser Tipp mag etwas enttäuschend daher kommen, aber er ist unglaublich wichtig. Denn wie immer im Leben macht uns nur das Üben und die (tägliche?) Auseinandersetzung mit der Leidenschaft irgendwann zu Meistern. Und der Weg dahin geht sich selten in einem Schritt.

Genau wie im Sport, bei dem sich der Erfolg nur durch regelmäßiges und konsequentes Training einstellt, müssen wir beim Stempelschnitzen wahrscheinlich auch öfters ran: gerade Schnitte, Rundungen, Kurven - es gibt viel zu lernen!

Zum "Verüben" eignen sich übrigens Reststücke sehr gut. Probier doch mal, wie tief Du mit Deinem Werkzeug wirklich schneiden musst, um eine klare Linie zu bekommen. Ist es vielleicht gar nicht so tief? Reicht ein bißchen? 

Wie schon im letzten Tipp geschrieben, wollen die Hände das Handwerk lernen. Sei geduldig, fange mit einfachen Motiven an und dann übe kontinuierlich weiter. Reflektiere über Dein Tun, wenn Du an Deine Grenzen stößt, oder frage jemanden um Rat. Höre nicht auf.

Mache Dich auf die Suche nach einfachen Mustern und Motiven, die Du leicht Nachschnitzen kannst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kein Motiv zu simpel ist. Aus allem kann man spannende Sachen stempeln. Quadrate lassen sich mit Rechtecken, Linien und Dreiecken kombinieren. Schau mal hier, da hat Claudia @kreisrund.wb in meinem Stempelschnitzkurs bei Michaela einfache Formen zu einer ganzen Häuserlandschaft kombiniert. Sieh die Vielfalt im Einfachen.